Cookie-Hysterie und die wahren Bedrohungen

Seit der DSGVO im Jahr 2018 hat sich im Web ein eigentümliches Phänomen breitgemacht: der Cookie-Banner. Mittlerweile gibt es kaum noch eine Webseite, die nicht mit einem großflächigen Dialog den Besucher daran erinnert, dass hier Cookies zum Einsatz kommen.

Ein Cookie ist im Grunde ein kleines Textfragment, das der Browser auf Wunsch einer Webseite speichert. Mehr nicht. Es kann eine Session-ID enthalten, eine Spracheinstellung oder eben ein Tracking-Token. Cookies allein sind harmlos – sie führen zu nichts, wenn niemand die Daten abgreift und zusammenführt.

Um aus einem Cookie ein aussagekräftiges Nutzerprofil zu erstellen, braucht es Zugriff auf eine ganze Menge von Seitenzugriffen, wie bei zentralisierten Analysetool. Den bekanntestesten Anbieter will ich jetzt mal nicht beim Namen nennen, aber ihr kennt ihn sicher. Genau dieses Ökosystem wird selten thematisiert – stattdessen geht es um den harmlosen Einzelcookie eines (vermutlich) harmlosen Webseitenbetreibers.

Chatkontrolle – Stille Überwachung?

Während sich die User über Cookies aufregen, wird an einem Gesetz gearbeitet, das in seiner Dimension weit über jedes Cookie hinausgeht: die Chatkontrolle. Ich bin ja gespannt, ob vor dem Versenden einer Nachricht, oder zumindest beim öffnen des Messengers ein Banner zu bestätigen ist: "Alles Welt liest diese Nachricht mit, sie ist weit unterhalb des Vertraulichkeitsneveaus einer Postkarte!", oder ob das alles still und heimlich im Hintergrund mitgelesen wird.

Jede Nachricht, jedes Bild, jedes Video wird gelesen und ausgewertet. Nicht nur metadata, sondern der konkrete Inhalt. Und zwar nicht nur bei Verdächtigen, sondern bei allen Nutzern. Die Automatisierung dieses Prozesses macht die Sache noch gravierender: Es gibt keinen Richtervorbehalt, keine Einzelfallprüfung, keinen menschlichen Ermittler, der entscheidet, ob der Verdacht gerechtfertigt ist.

Im Vergleich dazu ist ein Cookie, das merkt, dass man sich für Schuhe interessiert, fast schon harmlos. Aber die öffentliche Empörung ist – zumindest in meiner Wahrnemung – kaum hörbar.

Altersverifizierung – Token als Überwachungsinstrument

Ebenfalls unter dem Radar vieler liegt ein weiteres Thema, das in seinem Potenzial zur Nachverfolgung alles andere als trivial ist: die Altersverifizierung. Verschiedene EU-Staaten und auch die EU selbst diskutieren Systeme, mit denen Nutzer ihr Alter nachweisen müssen, um bestimmte Inhalte oder Dienste zu nutzen.

Das Problem: Wer einen solchen Token einsetzt, um sein Alter zu verifizieren, hinterlässt eine Spur. Es ist nachvollziehbar, wer wann und wo diesen Token verwendet hat. Im Gegensatz zu einem Cookie, ist ein Altersverifizierungstoken eine direkte Zuordnung von Person zu Aktivität. Das ist keine theoretische Überwachung, sondern eine konkrete, technisch einfache Möglichkeit, Nutzerverhalten lückenlos zu dokumentieren. Natürlich kann die Identität vor dem Weseitenbetreiber verschleiert werden, aber nicht vor dem Aussteller.

Wer entscheidet eigentlich welche Seiten als gefährlich eingestuft werden und welche nicht?

Der Fokus auf die falschen Dinge

Warum wird über Cookies so viel Aufregung gemacht, während Chatkontrolle und Altersverifizierung kaum öffentliche Empörung erfahren? Die Antwort liegt vermutlich in der Medienpräsenz und in der Darstellung. Gegen Cookies zu wettern ist einfach. Jeder hat einen Cookie-Banner gesehen, jeder hat sich darüber geärgert. Es ist ein greifbares, alltägliches Ärgernis. Chatkontrolle und Altersverifizierung werden als Schutzmechanismen propagiert. Wie in [diesem Artikel der Tagesschau](https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-app-altersueberpruefung-100.html) schön gesagt, wurde das ganze unter dem Deckmantel von Corona ja schon weitgehend geübt.

Es wird Zeit, dass wir die richtigen Dinge kritisieren – und nicht nur die bequemen.